Du bist Arzt. Du hast zwei schwerkranke Corona-Patienten und nur ein Beatmungsgerät. Wie entscheidest du dich?

Legst du eine Altersgrenze fest?
Schätzt du die Lebensjahre,
die noch zu retten sind?
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst?
Wenn du so denkst, denkst
du in den Kategorien
der Nützlichkeitsethik.
Der moralphilosophischen
Grundhaltung der
angloamerikanischen Länder.
Auch in Italien wird
im Moment so gedacht.
Hierzulande denken wir
mehr in der Tradition von Kant.
Immanuel Kant hat dieses
Nützlichkeitsdenken abgelehnt.
Seiner Idee nach entzieht sich
das Leben einer derartigen Bewertung.
Leben wären dann austauschbar.
Die Würde, die
jedem einzelnen Menschen
innewohnt, verletzt.
Die italienischen Ärzte
sehen das auch so.
Zerbrechen an ihren Entscheidungen.
Hätten gerne Rat von Kant.
Nur, was könnte ihnen Kant
in diesem Fall raten?

 

6 Gedanken zu “Du bist Arzt. Du hast zwei schwerkranke Corona-Patienten und nur ein Beatmungsgerät. Wie entscheidest du dich?

  1. Karlheinz says:

    Was tun sprach Zeus?
    Im Grunde für alle Menschen, die beruflich mit Rettung von Leben zu tun haben, eine Entscheidung, für die wenig Zeit für Überlegung oder Rückfrage zur Verfügung steht. Bei mehr als einem Schwerverletzen, wird zunächst nach der Schwere der Verletzung durchnummeriert. Wenn Hoffnungslosigkeit konstatiert wird, entfällt die Reihenfolge und es geht nach der Schwere der Verletzung. Grundsätzlich gibt es keine Unterschiede zwischen Alter, Religion, Rasse, Geschlecht, Reichtum oder Staatszugehörigkeit, so das die Entscheidung immer nach der Fähigkeit/Erfahrung des Helfers getroffen wird. Selbst wenn im Ernstfall für 2 Schwerkranke nur eine Herz/Lungenmaschine zur Verfügung steht, muss der Helfer entscheiden, wer von beiden größere Chancen hat zu überleben. Später zu hinterfragen, ob die Entscheidung moralisch oder ethisch zu rechtfertigen war, sollte man nicht stellen, weil es dem Toten nicht mehr hilft, aber unter Umständen im Retter ein weiteres Opfer findet, der durch moralische Betrachtungen ein Trauma erleidet. Damit würde er aber als zukünftiger Retter ausfallen, weil er nicht mehr entscheiden kann.
    Ich befürchte, da kann auch Kant nicht helfen, weil die Ursache des Dilemmas nicht beim Helfer liegt, sondern bei denjenigen, die keine Vorsorge für den Katastrophenfall getroffen haben.
    Z.B. Wenn man lebenswichtige Arzneimittel nicht mehr in Deutschland produziert, sondern in Asien, weil sie dort billiger sind.
    Karlheinz

     
  2. Augustinus says:

    Dies ist die Entscheidung, die das Programm bei einem selbstfahrenden Auto treffen muss. Es wird eine logische Entscheidung treffen. Welches Leben ist mehr wert.

     
    1. Detlev Six says:

      Die Nützlichkeitsethik ist einfach die praktikable Vorlage für einen Algorithmus. Ich schätze, dass auch in nicht allzu ferner Zukunft der sehr schwer zu bestimmende Begriff “Würde” in den Menschenrechten durch einen nützlichkeitsethischen Algorithmus ersetzt werden wird.

       
  3. Gabriele Degler says:

    Diese Virus Pandemie bringt uns zu ganz grundsätzlichen Erkenntnissen. Die medizinische Versorgung eines Landes hat oberste Priorität, noch vor Toilettenpapier… 2008 wurde eine Katastrophenübung in der BRD gemacht. Man stellte fest, daß die Versorgnung nicht gewährleistet ist, aber es wurden keine Konsequenzen daraus gezogen…aber andere Länder sind noch schlechter aufgestellt, welch ein Argument!
    In jeder Krise steckt auch viel Positives. Sicher werden wir unsere Versorgung wieder aus Asien zurückverlagern. Leider zu spät, aber besser als gar nicht… Ob Algorithmen hier sinnvoll sind? Der Mensch entfernt sich dann immmer mehr von der Selbstbestimmung. Aber vielleicht auch besser so? Wenn eine Maschine entscheidet, wer überleben darf, ist der Arzt/Helfer nicht auch noch Opfer…

     
    1. Detlev Six says:

      Das Würde-Konzept von Kant liegt mir viel näher als das kühle Algorithmus-Ranking – vermutlich den meisten von uns. Nur ist das kantische Denken in Dilemma-Situationen oft nicht hilfreich. Diese Situationen – wie auch Karlheinz schon andeutete – sollten vermieden werden, damit großzügiges, kantisches Denken möglich wäre. Zum Beispiel durch eine Krankenhausausstattung, die es gar nicht erst zu einer Ressourcenknappheit kommen lässt. Womit dann auch solche Dilemma-Situationen wie im beschriebenen Fall der italienischen Ärzte vermieden würden. Aber ist das realistisch? Mit dem derzeitigen Wirtschaften und dem derzeitigen Tempo des Wachstums der Weltbevölkerung kann ich das “Denken in ausreichenden Ressourcen” (davon wäre ja nicht nicht der Gesundheitssektor betroffen) nur als illusionär bezeichnen.

       
  4. Ekkehard says:

    Könnte der Arzt Kant befragen, wäre dessen Antwort vielleicht nicht hilfreich. Sie könnte lauten:” Du bist der verantwortliche Arzt! Du musst entscheiden – aber tue das nach bestem Wissen und Gewissen.”
    Ein Entscheider, wenn er nicht willkürlich handelt, wird immer eine beste Entscheidung anstreben, was immer an den von ihm erhofften Nutzen gebunden ist.
    Ich bin kein Utilitarist. Was nützlich ist oder unnütz, ist eine Sachwertung, zugegeben persönlich geprägt. Erst wenn dabei der persönliche Nutzen bedeutsam wird, können ethische Fragen aufkommen, durchaus im Sinne Kants.”

     

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