Wie viel Gier braucht der Mensch?

In Italien hatten sie in den
30 Jahren unter den Borgias nur
Krieg, Terror, Mord und Blut.
Aber dafür gab es Michelangelo,
Leonardo da Vinci und die Renaissance.
In der Schweiz herrschte brüderliche
Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden.
Und das Resultat? Die Kuckucksuhr.“
ZITAT aus dem Film „DER DRITTE MANN“.

„Gier ist der Wunsch nach mehr –
nach mehr Leben,
nach mehr als dem Vernünftigen,
nach mehr als dem Leben.
Gibt es ein Recht des Menschen
auf Übermaß, auf Ekstase, auf Rausch?“
ZITAT aus dem Buch „GIER“ –
zur Anthropologie der Sucht.

Gibt es ohne Gier keine Entwicklung?
Und wenn ja.
Wie viel davon?

 

8 Gedanken zu “Wie viel Gier braucht der Mensch?

  1. Karlheinz Raum says:

    Diesmal, statt eines eigenen Beitrags, einen passenden Text von Wilfried Schmickler aus der Sendung: Orden wider den tierischen Ernst, Aachen 2020.

    “Wir befinden uns in einem gnadenlosen globalen Wachstumswettbewerb. Jetzt könnte man ja durchaus sagen, ach, was soll‘s, wir steigen aus und beschließen, für uns hat es sich ausgewachsen. Dieses ganze Wachstum ist doch krank, wir schrumpfen uns gesund. Aber ohne Wachstum kein Wohlstand, ohne Wohlstand kein Eigenheim, kein Zweitwagen und keine Kreuzfahrt mit Vollpension. Stattdessen Wellblechhütte, Ochsenkarren und Urlaub mit dem Finger auf der Landkarte. Verzicht! Verzicht ist was für Leute, die nichts haben, denen macht das nix aus, die kennen es nicht anders. Es gibt eben in jeder Gesellschaft solche und solche. Solche, die mehr haben und solche, die weniger haben. Denn nur, wenn es welche gibt, die etwas haben, was die anderen nicht haben, aber unbedingt haben wollen, nur dann entsteht diese Kraft, die letztendlich Wachstum schafft – die Gier. Die Gier nach mehr und mehr und noch mehr Mehr, mehr Geld, mehr Macht, mehr Schweinenackensteaks. Das ist die Kraft, die Wachstum schafft. Keine Bildung, kein Fleiß, kein Glauben – nein, einfach nur Gier.”

     
  2. Ekkehard says:

    Wie viel Gier braucht der Mensch?

    Ja, es gibt sie die gierigen Menschen. Aber wird deshalb Gier auch gebraucht? Gier ist nichts weiter als unmäßiges Verlangen, vielleicht sogar gepaart mit Rücksichtslosigkeit. Das scheint mir eine sehr überflüssige Eigenschaft. Gier führt auch kaum zu dauerhaftem Erfolg, wenn sie nicht gleichzeitig mit krimineller Energie verbunden ist.

    Detlevs Zitat mit dem Borgias ist da ein guter Hinweis: Die Borgias waren sicher machtgierig, aber nicht die Gier machte sie erfolgreich, sondern Blut und Terror. Sie waren auch Mäzene. Michelangelo und Leonardo da Vinci wären aber auch ohne sie groß geworden. Die Herrscher von Florenz haben jedenfalls wenig Fortschritt hinterlassen – vielleicht für die Buchhaltung die Begriffe Debitoren und Kreditoren.

    Nicht die Gier einzelner Menschen ist für mich besorgniserregend, sondern der Umgang mit dem Begriff. Da wird vieles als gierig angesehen was da stört oder Neid erregt und man braucht nicht mehr darüber nachzudenken, was wirklich dahinter steckt. Zwei Beispiele:

    Die Telekom Aktie: Sie kam 1996 mit dem Eröffnungskurs 16,97 € in die Börse, stieg bis zum Jahr 2000 auf 106,88 € und war 2002 nur noch 8,15 € wert. Was war da los? Der Bund wollte ein Staatsunternehmen privatisieren und hat seine Anteile in drei Raten veräußert – zu 16,97, zu 80, und zu 60 €. Gier war da nicht im Spiel. Dann haben die Börsenprofis mitgewirkt, professionell, vorsichtig und erfolgreich. Wer von Anfang an mitmachte, immer mit 10 % Gewinn verkaufte aber sofort wieder den ursprünglichen Betrag einsetzte, verdiente ganz gut. Selbst wenn er den Absturz mitmachte und dabei 95 % verlor, blieb ihm auf seinen Einsatz ein Gewinn von 97 %, was genug sein sollte für fünf Jahre. Dann war da noch die dritte Gruppe, die den ganzen Ablauf anheizte. Es waren gierige Kleinaktionäre, die sich an ihren Gewinnen berauschten, vielleicht sogar Kredite aufnahmen, um weitere Aktien kaufen zu können und dann den vollen Absturz miterlebten.

    Die Bankenkrise: wir haben es alle gelernt: die gierigen Banker haben die Gewinne gescheffelt und die Verluste dem Steuerzahler aufgebürdet. Dieser Slogan war so einleuchtend wie falsch. Die Bundesrepublik hat damals 15 Banken gerettet, wovon 13 als Landesbanken zu 100 % öffentliches Eigentum waren. Diese Landesbanken waren nicht gierig, hatten sich aber auf Geschäftsfelder gewagt, in denen ihnen jegliche Erfahrung fehlte. Es ist verständlich, dass die öffentliche Hand ihr Eigentum retten wollte. Die beiden Privatbanken die auch gerettet wurden, waren nicht aus Gier in die Krise geraten: Die Commerzbank hatte die konkursreife Dresdner Bank übernommen und die HRE musste plötzlich für eigene Kredtaufnahmen höhere Zinsen bezahlen, als sie für ihre Darlehen erzielen konnte. Bis heute hat der Steuerzahler nicht einen Euro für die Banken bezahlt. Und die Banken? Die Aktionäre der Commerzbank verloren fast 90 % ihrer Einsätze und die Aktionäre der HRE wurden schlicht enteignet.

    Wie gesagt, Gier lohnt sich nicht, wenn man nicht gleichzeitig gewillt ist geltendes Recht zu brechen. Vielleicht reicht es aber wenigstens zum Nachruhm. Friedrich II in Preußen, den manche den Großen nennen, wurde viel dafür gelobt, dass er sein Land reorganisiert und vielen Flüchtlingen aus anderen Ländern eine neue Heimat geboten hat. Das stimmt auch. Man muss nur außer Acht lassen, dass er mit seiner Machtgier und Kriegslust vorher sein eigenes Land verwüsten und entvölkern ließ.

     
    1. Detlev Six says:

      Es ist schön, Ekkehard, dass Du zwischen Banken und Friedrich dem Großen so säuberlich unterscheidest – tatsächlich haben die Banken kein Blut vergossen. Es gab damals aber einen Bankenvorsitzenden, der 25% Rendite versprach. Das war mit Produkten für die Realwirtschaft nicht zu schaffen. Folglich kam es bei vielen Banken zu allerlei Produkten, die ausser von den Produktschöpfern, kaum von einem Banker verstanden wurden. Was aber verstanden wurde, war das Renditeversprechen, das keinesfalls unter 25% liegen sollte. Die Benchmark des großen Vorsitzenden war also erreichbar. Es kam so etwas auf wie…? Lernwillen, was neue Produkte betrifft? Freude über den Reichtum aus dem Nichts? Oder Filmtitel wie: Die Getriebenen schlagen zu? Oder war’s vielleicht doch nur Gier? Zumindest ein Michelangelo oder ein Leonardo da Vinci kam nicht aus den Banken hervor. Dafür die Kunst, das Bild einer bis dahin relativ angesehenen Branche zu verunstalten.

       
  3. Hans Zangl says:

    Lieber Detlev,
    man merkt sofort, es fällt dir schwer, mit dem Thema und dem Begriff Gier etwas Sinnvolles anzufangen. Deshalb die „Flucht“ in fremde Textfragmente, deren inhaltliche Substanz aber durchaus zweifelhaft ist. Mir ging es wie dir, was mache ich damit? Das ist das Ergebnis.

    Gier kommt von Begierde und ist mit dem Verb begehren verbunden. Wenn Menschen zum Ausdruck bringen, dass sie etwas begehren, dann wird das i.d.R. in einem positiven Zusammenhang verwendet. Wenn ein Verhalten eines Menschen als gierig oder der Mensch ad personam als gierig bezeichnet wird, ist das eine negative Bewertung des Verhaltens und/oder des Menschen insgesamt.

    Für Gier gibt es keine klare Definition, welches Denken, welches Tun, welches Reden als gierig oder nicht gierig zu bezeichnen ist. Wo ist die Grenzlinie? Um zu überleben, begehren die Menschen nach Nahrung, Kleidung, Sicherheit, Liebe, Gesundheit, etc. Übertragen auf das aktuelle Weltwirtschaftsleben bedeutet das in erster Linie, Begehren nach Arbeit, nach Arbeitsstellen. Ist jemand gierig, wenn er seinen Stundenlohn von 12 auf 24 € erhöhen will, also eine Steigerung um 100%. Und ist jemand nicht gierig, der sein Jahresgehalt von 100.000 nur um 10 % auf 110.000€ steigern möchte?

    Und nun zur Wochenfrage? Wieviel Gier braucht der Mensch, heißt dann soviel wie: wieviel Negatives braucht der Mensch, bzw. wie negativ muss der Mensch sein? Wenn man die Bedürfnisentwicklung der Menschen mit dem neutralen, nicht wertenden Begriff, MEHR ausdrücken würde, dann kann man offen und sachlich dieses MEHR analysieren, dann entfällt die moralische Keule, die Stigmatisierung „alles und aller Gierigen“.

    Das MEHR ist eine systembildende Grundbedingung des Evolutionsprozesses und es ist auch klar, wir Menschen sind Teil der Natur, auch wenn sich viele mit ihrem Bewusstsein einbilden, sie sind anders. Dieses MEHR steckt in uns allen drin, wir brauchen es nicht, wir haben es und es kommt entscheidend darauf an, wie wir damit als Menschheit umgehen.

    Nach moralischen Gesichtspunkten sind 5 – max. 10 % der Menschheit weit entfernt vom „normalen“ Verhalten nach MEHR. Es können auch gar nicht mehr sein, denn dann würde der generelle Prozess des MEHR nicht mehr funktionieren, dann wären die strukturbildenden und -erhaltenden Wechselwirkungen innerhalb des Systems nicht mehr wirksam.

    Corona hat uns gezeigt, wie schnell die strukturbildenden und –erhaltenden Wechselwirkungen unseres aktuellen Menschheitssystems auseinanderbrechen können. Sind jetzt unsere Politiker gierig, wenn sie x Milliarden Papiergeld zur Stabilisierung des Wirtschaftskreislaufs „erfinden“, damit die Wechselwirkungen des Systems wieder ins „Laufen“ kommen?

     
    1. Detlev Six says:

      Lieber Hans,
      es gibt Wörter, die lösen sofort einen Reflex aus. Zum Beispiel “Gier”. Gier ist “böse”. Das gibt es auch für die “guten” Wörter. Ethik ist “gut”. Solange es viele Wörter in der Sprache gibt, die moralisieren, ist Dein Wunsch, eine offene, sachliche Diskussion über nicht wertende Wörter wie MEHR zu führen, immer ein Wunschtraum nach dem Ideal. Denn Wörter wie “Gier” werden durchaus doppelbödig gebraucht: Zur Diffamierung und zur Anfeuerung. Nicht nur beim Zitat aus “Der Dritte Mann”, das ja unterstellt, dass zur Entwicklung einer Hochkultur durchaus auch Gier nötig ist – auch Fussballtrainer bemühen oft den Satz “Wir müssen mehr Gier auf den Platz bringen”. Sachlicher formuliert würde der Satz lauten: “Wir brauchen mehr Siegeswillen.” Eindeutig mehr Wirkung zeigt aber der erste Satz. Genauso werden, wenn das Wort “Ethik” fällt, oft die Machtansprüche übersehen, die damit verschleiert daher kommen. Der Satz “Das ist nicht ethisch” ist eine Moralkeule, die Analyse der Situation, bei der etwas nicht ethisch sein soll, fällt dabei total unter den Tisch. Denn Ethik halten wir automatisch für das Gute. Diesen Widerspruch wollte ich durch den post ansprechen und habe deshalb einen Begriff in zwei Weisen dargestellt. Einmal beispielhaft in eine Geschichte eingebettet (also über den Gebrauch im Alltag, soweit man die Borgias als Alltag bezeichnen kann), einmal eher lexikalisch aufgelöst. Was dann wieder zu meinem Verständnis unseres Stammtisches führt. Da bin ich immer dafür, mit dem Gebrauch im Alltag zu beginnen und vielleicht daraus einen Wesenskern zu filtern, eine Essenz, die für alle persönlichen Erfahrungen gilt. Ich weiß, es gibt durchaus andere Auffassungen, wie das Philosophieren zu betreiben ist. Da die Philosophie mit ihren drei Paradigmen – Seinsphilosophie, Bewusstseinsphilosophie, sprachanalytische Philosophie – so ziemlich jeden geistesorientierten Wissensbereich bedient, ist auch so ziemlich jede Vorgehensweise, wie das Philosophieren zu betreiben ist, zu rechtfertigen.

       
  4. Ekkehard says:

    Die Gier der Deutschen Bank

    Auch ich habe mich damals über „25%-Aussage“ des Vorstandsvorsitzenden geärgert. Er hätte wissen müssen, dass dies missverständlich ist, alle, die Bischöfe, hohe Politiker, die Medien und auch Du Detlev, halten eine Rendite von 25% (auf was?) für unmöglich. Dem muss auch ich zustimmen. Herr Ackermann hat aber von Eigenkapitalrendite gesprochen. Das ist ganz etwas anderes.

    Einige meiner Kunden hatten sich auch darüber aufgeregt. Soweit die Sanierung bereits erfolgreich war, konnte ich sie schnell beruhigen. Ich habe die Daten aus ihrer Buchhaltung aufzeigen müssen. Da lag die Umsatzrendite meist um 3%, die Bilanzrendite vielleicht gerade bei 2%. Kein einziger erfolgreicher Kunde lag aber im ersten Gewinnjahr unter 80% Eigenkapitalrendite, manchmal lag sie im Unendlichen,

    Das ist reine Mathematik. Liegt die Bilanzsumme bei 100%, der Bilanzgewinn bei 2%, der Anteil des Eigenkapitals bei 1%, ist die Eigenkapitalrendite gleich 200%. Der Eigenkapitalanteil der Deutschen Bank lag damals tatsächlich rund um 1%. Damit brachte eine Eigenkapitalrendite von 25% einen Bilanzgewinn von 0,25%. Ist das wirklich zu hoch?

    Gleich noch ein Thema zum Nachdenken. Laut EU-Vereinbarung mussten die Banken den Eigenkapitalanteil in vier Jahren auf 5% der Bilanzsumme aufstocken! Wie geht das, wenn man mit 1% startet? Mit Gewinnen schafft man das nicht. Da wäre eine Eigenkapitalrendite von 50% nach Steuern nötig. Mit einer Verdoppelung des Eigenkapitals ginge das schon mit einer Eigenkapitalrendite von 25%. Aber wer bringt das Geld? Die einfachste Lösung ist es, das Geschäftsvolumen zu verkleinern, bei möglichst hohem Erhalt des Gewinns. Da wundern n sich die Leute, dass Banken so wenig Kredite vergeben.

     
    1. Detlev Six says:

      Dann ist also der ganze versaute Ruf der DEUTSCHE BANK einem Verkaufsversagen von Herrn Ackermann zu verdanken? Oder spielen hier auch Exzesse des Investment-Bankings eine Rolle? Oder auch die CDO’s? Wobei ich ehrlicherweise zugeben muss, dass ich nicht weiß, inwiefern die DEUTSCHE BANK bei der Gestaltung oder dem Kauf der CDO’s eine große Rolle gespielt hat.

       
      1. Karlheinz Raum says:

        Dank Corona verlassen wir jetzt die Philosophie hin zur Betriebswirtschaft. Hoffentlich finden wir da wieder raus.

         

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