Was tut Kant für uns? Die Langfassung.

Neidhammel sind’s, die Philosophen und arrogant obendrein: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Sagt Karl Marx, um klarzustellen, dass er der Einzige ist, der die Welt verändert hat. Ganz so stimmt das nicht. Auf Kants Namen ist zwar kein neues politisches System begründet worden, aber immerhin ein bahnbrechendes Erkenntnissystem und eine heute noch bestimmende Ethik. Immanuel Kant fand einen sehr einfachen Zugang zur Philosophie. Er hat seine vier berühmten Fragen gestellt und versucht, sie mit philosophischen Mitteln zu beantworten. Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? (Die dritte Frage bezieht sich auf zentrale Themen der Menschen, wie Sinn des Lebens, Fragen nach Gott, Liebe, Glück, Freiheit, Gerechtigkeit. Ich werde heute Abend nicht darauf eingehen. Die vierte Frage: Was ist der Mensch? Beantwortet sich durch die Beantwortung der ersten drei Fragen).

Was kann ich wissen?

Wie können wir Wissen und Erkenntnis gewinnen? Nicht das Wissen, das uns durch Bücher oder Erzählungen vermittelt wird, sondern die Erkenntnis, die wir selbst der Welt abringen. Schon bei dieser Frage hilft es, sich die unterschiedlichen Glaubenssätze der kontinentaleuropäischen und der angelsächsischen Philosophen anzusehen. Denn die konfrontative Gegenüberstellung wird auch bei der Beantwortung der zweiten Frage (Was soll ich tun?), die heute Abend den größeren Teil einnimmt, eine ausschlaggebende Rolle spielen. Ganz kurz also zu den beiden Antworten der jeweiligen philosophischen Denkrichtung auf die erste Frage. Kant glaubt, dass sehr viel von dem, was unseren Verstand und unsere Vernunft ausmacht, angeboren ist. Die angelsächsischen Philosophen sind da anderer Ansicht. Sie glauben, dass wir als leeres Blatt Papier auf die Welt kommen, das erst durch unsere Erfahrungen beschrieben wird. Beide Konzepte haben ihre Schwächen. Kant musste sich fragen lassen, wie ein Verstand Gedanken ohne sinnliche Wahrnehmungen produzieren kann. Wenn er beispielsweise behauptet, dass eine wichtige Verstandesleistung das Denken in Ursache und Wirkung ist, dann muss er Ursache und Wirkung auch als sinnliche Wahrnehmung benennen. Und ein Empiriker (so nennen sich die angelsächsischen Philosophen, die auf dem Kontinent nennen sich Rationalisten) scheitert an der reinen Empirie, wenn eine Verstandesleistung nicht auf konkreter sinnlicher Beobachtung beruht, zum Beispiel bei dem abstrakten Begriff der Gerechtigkeit. Kant hat zur Verzahnung der beiden so verschiedenen Erkenntnis-Systeme eine Menge beigetragen. Die Großtat Nummer eins, die er für uns geleistet hat (eine ausführliche Beschäftigung mit diesem Thema würde mehr als einen Abend benötigen, deshalb soll es jetzt damit gut sein).

Was soll ich tun?

Hier geht es um Ethik und Moral. Kant wollte seine Moralphilosophie unabhängig von der Außenwelt aufstellen, rein bezogen auf den Willen, sich richtig zu verhalten. Dazu schreibt er: „Es ist überall nichts in der Welt, ja auch überhaupt außerhalb derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.” Was dieser (vermutete) gute Wille allerdings leisten sollte, das war der Hammer. Dazu hat sich Kant den berühmten kategorischen Imperativ ausgedacht:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Ich empfehle diesen Satz mehrfach durchzulesen und zu durchdenken. Denn hier wird von uns nicht anderes verlangt, als Heilige zu sein. Kant verlangt von uns eine Gesinnung (verstanden als eine Mischung von Werten und Regeln), in der alles absolut gesetzt ist. Ohne jede Ausnahme. Töten, klar, komplett verboten, Lügen genauso und so weiter. Zwischen den 10 Geboten, dem heiligen Augustinus und Kant bestand in der Härte der Forderung kein Unterschied. Allerdings war die Formulierung des Kategorischen Imperativs Ende des 18.Jahrhunderts so neu, so weltlich, so frisch, das ihm die Anhänger zuflogen. Sie war ja eine praktische Formulierungshilfe für die Gesetzgebung. Juristen liebten sie und die Philosophen an den Universitäten sind heute noch überwiegend Kantianer (zumindest in Deutschland). Außerdem denkt Kant in seinem Sinne folgerichtig. Der Glaube des Rationalisten Kant an das Angeborene im Menschen findet sich in seiner Ethik-Konzeption getreu wieder (die angelsächsischen Philosophen bezeichnen Rationalisten als Idealisten).

Was sagten die Empiriker jenseits des Kanals dazu?

Dass die Empiriker zu einem völlig anderen Ethik-Konzept kommen würden, war klar. Von den inneren Stärken der Menschen hielten sie nichts bis nicht viel. Sie wollten eine Ethik, die sich beobachten ließ. So wanderte der Kern der Ethik von innen (wie bei Kant) nach außen. Das Leitmotiv der Empiriker (formuliert von Jeremy Bentham) war:

„Das größte Glück der größten Zahl“

Eine Handlung bewertet sich demnach allein nach ihren sozialen Folgen. Nach ihrem Nutzen für eine größtmögliche Zahl. Deshalb heißt diese Ethik auch utilitaristische Ethik (nach dem lateinischen Utilitas = Nutzen). Mit dem Prinzip des Nutzens ist jenes Prinzip gemeint, das jede beliebige Handlung gutheißt oder missbilligt, entsprechend ihrer Tendenz, das Glück derjenigen Gruppe zu vermehren oder zu vermindern, um deren Interessen es geht. Glück oder Nutzen bezieht sich einzig auf die Konsequenzen des Tuns. Innere Beweggründe spielen (wie etwa bei Kant) für die Bewertung einer Handlung keine Rolle. Wenn jemand einen Tyrannen tötet, der das Glück von Millionen verhindert, dann ist dies erlaubt. Bentham war in einem Kreis von Sozialreformern, die einen radikalen Atheismus, Demokratismus und Materialismus (hier nicht als Geldvermehrung verstanden, sondern als der alleinige Glaube an die Materie als feste, sinnlich begreifbare Welterkenntnis) huldigten. Also, auch die Empiriker (von den kontinentaleuropäischen Philosophen als Materialisten bezeichnet) blieben sich treu. Die Reaktionen aus Deutschland, das ein ganz anderes gesellschaftliches Klima hatte, im Zeitgeist des Biedermeier und Klassizismus stand, waren heftig. Goethe bezeichnete Bentham als „höchst radikalen Narren“ und Karl Marx beschrieb ihn als ein „Genie der bürgerlichen Dummheit“.

Soweit die beiden Ethik-Konzeptionen, bei der bei Kants Ethik die Heiligkeit des menschlichen Lebens im Vordergrund steht, bei der utilitaristischen Ethik die Lebensqualität der betroffenen Menschen.

Das war jetzt ziemlich viel Geschichte der Ethik, dass aber die beiden wichtigsten Ethik-Konzeptionen auch heute noch eine Rolle spielen, zeigt das folgende Beispiel „Terror“ von Ferdinand von Schirach, ein Theaterstück, auch als Fernsehspiel verfilmt und von immerhin 2,5 Millionen Zuschauern gesehen. Mit sehr emotionalen Reaktionen beider Lager. Der Kantianer und der Utilitaristen. Ich werde das Urteil nicht verraten, entscheidet selbst:

“Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben. Der Mann muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Zuschauer und Leser, sie müssen über Schuld und Unschuld urteilen.”

Welcher Richter bist Du? Kantianer oder Utilitarist? Schuldig oder unschuldig?

 

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