Wozu brauchen wir Nostalgie?

Wenn einem die Realität
so richtig aufs Gemüt
geht (und man kein
Fleischerhund ist),
dann gibt’s nur eins,
ein kräftiger Schluck aus
der Nostalgie-Pulle.
Zurück zur Musik,
als die noch eine war,
zur ersten Liebe,
die noch glimmt,
zum unvergesslichen
Erfolg der breiten Brust.
„Wenn wir nostalgisch
sind, erscheint
uns das Leben sinnvoll.“
Sagt der Nostalgie-Forscher
und Psychologe
Tim Wildschut.
Nostalgie hat seinen
Ergebnissen nach
großes therapeutisches
Potential.
Nostalgische Erinnerungen
bringen sogar Menschen
zusammen, die sonst
eher nichts miteinander
zu tun haben.
Heute Abend höre ich
mir Jeff Beck an
(Friede deiner Seele,
du Gitarrengott),
dessen Gitarrenspiel
ich nicht einmal
erreicht hätte, wenn
alle seine Finger
amputiert gewesen
wären und mir doppelt
so viele Finger gewachsen.

10 Gedanken zu “Wozu brauchen wir Nostalgie?”

  1. Hans-Peter Kühn sagt:

    Irgendein Sprichwort sagt mir: “Du kannst heute nicht sein, was Du mal gewesen bist!

    Nostalgie ist keine traurige Leidenschaft!
    Sie ist positiv und freudvoll, die Erinnerung an das, was wir mal waren. Sie ist freudvoll und zeigt uns, dass wir eigentlich nicht viel versäumt haben.
    Nostalgie ist eine Ressource!!!

  2. Peter Deller sagt:

    Wer in der Gegenwart lebt, hat eine Zukunft, wer in der Zukunft lebt hat keine Gegenwart. Wer in der Vergangenheit lebt hat weder Gegenwart noch Zukunft.

  3. Karin Kraft sagt:

    Lieber Hans,
    Die Frage, ob wir Nostalgie brauchen oder nicht ist nicht relevant, sie stellt sich einfach manchmal ein und je nach Definition(da gibt es unzählige Möglichkeiten, wenn es nach den ca. 670 Seiten des “handbook of nostalgia” geht), macht es für Einzelne Sinn, sich damit zu befassen oder eben nicht. Sie einfach wegen Sinnlosigkeit zu neutralisieren leugnet ihre Existenz.

  4. Hans Zangl sagt:

    Nostalgie braucht man nicht! Aber viele bedienen sich ihrer zu unterschiedlichen Zwecken. Die einen wollen Menschen damit ködern, verführen, gewinnen, entweder kommerziell oder politisch/ideologisch (wir wollen unser Land zurück …). Die anderen sind mit ihrem aktuellen Lebensprozess und den Zukunftserwartungen unzufrieden, besorgt, ängstlich, verärgert, sehen überall nur Probleme, machen alles schlecht (früher war alles viel besser!). Sie empfinden die aktuellen Zustände und Prozesse, deren Ursache sie selbst und zugleich alle Menschen sind, ungenügend, schlecht und fordern ständig „Verbesserungen“ (MEHR).

    Ja, das Lebensverständnis der Menschen ist nicht auf Veränderungen ausgerichtet, es wird nicht geleert und gelernt. Aber stillschweigend wirken alle Menschen am Veränderungsprozess mit, weil es die physikalisch/chemischen Grundlagen des Lebensprozesses, des Evolutionsprozesses sind. Ohne Veränderungen würde es kein Leben geben, das was gestern war, was geleert, gelernt, produziert, gesprochen, getan wurde ist irreversibel und identisch nicht wiederholbar.

    Vom „gestern“ kann man lernen, an „gestern“ kann man sich erinnern, erfreuen, „berauschen“ oder ärgern, aber das Leben findet jetzt und in der Zukunft statt. In Nostalgie verharren verbaut den Blick in die Zukunft, „versaut“ den noch ausstehenden Lebensprozess bis zum Tod.

  5. Monica Lieschke sagt:

    Nostalgie – iiii?!
    Keep it simple. Sie kann missbraucht werden von Dritten (siehe Simson-Corsos in S-Anhalt). Man kann sich damit selbst in eine Sackgasse führen, wenn man sie schönt und hängenbleibt. Sie läßt sich zu Geld machen und nicht nur die Vintage- und Retro-Szene in Mode, Musik etc lebt gut davon.
    Aber kann auch so schön sein und so sehr seelisches Comfort Food wie der Grießpuddig, der nur bei Oma so schmeckte (und duftete!).
    Ja, der Begriff ist schillernd, ungenau und vielfach umgedeutet. Damit steht er nicht allein. Man kann Nostalgie durchaus genießen, ohne den Vergleich des „früher war alles besser“. Vielmehr: Vieles war schön, ich bin einverstanden, was ich alles erlebte – ohne dorthin zurück zu wollen. Ganz im „Hier und Jetzt“ kann man heute die nostalgischen Genüsse von morgen sammeln. Einer der Schätze, die mit dem Alter mehr werden. Der Hype der Psycho- und Meditationsszene, dass nur der Augenblick zähle, ist ebenso auf einem Auge blind wie die Vergangenheitsfixierten.
    Und wenn die Vergangenheit nicht schön war? Niemand muß sie dann umarmen. Doch laßt den Nostalgikern den Genuß ihres Grießpuddings. Ob die KI mal solches schafft, bleibt sehr zu bezweifeln. Nostalgie ist immer auch sinnlich.

  6. Karin Kraft sagt:

    Lieber Ekkehard, das Thema wird spätestens dann philosophisch, wenn man sie in Bezug auf den Begriff der Zeit hin betrachtet. Das “nostalgische Gefühl” wird in der Gegenwart gefühlt, bezieht sich aber auf eine Situation, einen Ort usw. in der Vergangenheit und somit besteht die Gefahr, dass da gerne was verwechselt wird. Der Begriff entstand Mitte des 17.Jahrhunderts, setzt sich zusammen aus Nostos – Rückkehr, Heimat und Algos – Schmerz, wurde auf zurückkehrende Söldner angewandt, die zu Depressionen und Suizid neigten, weil a) Die Heimat sich verändert hatte und b) sie sich selber auch. Somit litten sie also nicht an einem Gefühl von Heimweh, wenn man es genau nimmt, sondern an einer Vorstellung eines Gefühls in Bezug auf die Vergangenheit in der Gegenwart, die nicht mehr zu dem passt, wie und wer sie waren und jetzt geworden waren. Es geht also darum, wie Vergangenheit und Gegenwart sich in unserem Kopf begegnen und wahrgenommen werden. Auch hier wie so oft eine Zeitachse, die nur scheinbar eine Kontinuität wiederspiegelt, die nur in unseren Köpfen logisch gemacht wird.

  7. Ekkehard sagt:

    Nostalgie hat schon etwas. Sie bietet Erinnerungen an schöne Ereignisse und auch an schlimme, wenn man diese positiv überwunden hat. Ein Leben ohne erinnerungswerte Geschehnisse und anschließendes Alter ohne Ereignisse wäre schrecklich. Im Alter kann man wenigstens die eigenen Erfahrungen für Analysen der Gegenwart einsetzen. Allerdings waren dies dann vor hundert Jahren noch weise Leute. Heute schaut man lieber über den Computer nach.
    Nostalgie bringt auch Gefahren.
    Das ist einerseits die persönliche Seite: Manchmal macht man die eigenen Erlebnisse noch schöner als sie wirklich waren, was riskant sein kann. Oder man kämpft gegen Vereinsamung mit dem Mitteilungsdrang, was jüngere Zuhörer vielleicht nur Zeit stielt.
    Viel schlimmer ist allerdings die allgemeine Nostalgie, wenn sie politische Betrachtung beeinflusst. Das sieht man beispielsweise am erfolgreichen Wahlkampf der AfD: Sie betrachten deutsche Geschichte fast genauso, wie ich das in meinen ersten 12 Lebensjahren, im Dritten Reich, gelernt habe. Natürlich war früher alles besser! Aber fragt mal die AfD, was sie mit früher meint: Die Zeit der DDR, davor die Nazizeit, davor das Preußisch-Deutsche Kaiserreich, oder was sonst??
    Dabei scheint mir Geschichte eindeutig: Heute haben 90% der Menschen zusammen nur 30% des Volksvermögens. Früher hatten 90% nur Hunger und Seuchen.
    Kann eigentlich Nostalgie überhaupt ein Thema der Philosophie sein?
    Gruß Ekkehard

  8. Peter Deller sagt:

    Nix is, a Scheiss is, eure Nostalgie: Das ist vielleicht etwas für sentimentale Realitätsflüchter, denn was war den wirklich schöner früher? Der Cappuccino der 80iger Jahre? Eine unsaufbare Plörre mit PU-Schaumartiger Sprühsahne und Kakaostreusel. Eine Beleidigung für jeden Kaffeeliebhaber. Die Frauen hatten behaarte Achseln und Schlimmeres. Aber am schlimmsten an dieser fucking Nostalgie finde ich ihre feige Undefinierbarkeit, die politisch zur Zeit so dermaßen instrumentalisiert wird. Denn was konkret war den bitte besser, nennt Ross und Reiter, verdammt nochmal.
    Nein, nein, ein Hoch auf die Gegenwart, die lobe ich mir, die ist unkitschig und echt. Politik ist darin zwar schwierig und anstrengend, aber das ist sie ihrem Wesen nach halt auch. Nicht schwarz/weiß.

  9. schulz, katja sagt:

    lieber detlev, habe mich im märz mit einem glenn miller-konzert in der frankf alten oper therapiert, es war grandios! lg katja in frankfurt

  10. Karlheinz Raum sagt:

    Ich kenne zwar den Tim nicht, aber ich teile seine Ansicht. Nostalgie ist für mich wie ein Genussmittel. Oder “Betthupferl” für ein langes und glückliches Leben.
    Für Landwirte: ähnlich dem Wiederkauen der Rinder.

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