Verroht unsere Gesellschaft zunehmend?

Das Gegenteil von “roh”
ist “bearbeitet”.
Fallen wir also in einen
früheren Zustand zurück?
In unsere Vergangenheit als Tiere?
Oder als Stammesmitglieder,
die allen, die nicht zum
eigenen Stamm gehören,
den Schädel einschlagen?
(dann müssten wir unseren
STAMMtisch sofort umbenennen).
Nein, Tatsache ist, dass
Gewaltverbrechen zurückgehen.
Fakt ist aber auch,
dass unserer Umgang miteinander
sich heute rauer gestaltet.
Ein Widerspruch?
Keineswegs.
Unsere Freiheit ist größer geworden.
Weil die rigiden Moralsysteme
der Vergangenheit, von Staat,
Kirche und Elternhaus, die uns
stark „bearbeitet“, und uns zu
gemeinschaftlichem Verhalten
mehr oder weniger verdonnert haben,
immer mehr an Bedeutung verlieren.
Wir können heute sehr viel mehr
selbst entscheiden,
wie wir uns verhalten wollen.
Der Preis dafür:
Mehr Egoismus.
Mehr Ellenbogen.
Das Erlebnis der Verrohung
ist also die Kehrseite
der individuellen Freiheit.
Was tun?
Lernen, mit der neuen Freiheit
umzugehen und sie auszuhalten.

 

6 Gedanken zu “Verroht unsere Gesellschaft zunehmend?

  1. oskar wrage says:

    Die Frage – verroht unsere Gesellschaft zunehmend – kann mit den veröffentlichten Statistiken naturgemäß nur unzureichend beantwortet werden .
    Wie bei allen abstrakten Begriffen sind die hierfür notwendigen Begriffsbestimmungen und die zahlenmäßigen Bemessungsgrundlagen nur äußerst schwierig zu erstellen.
    Rohheitsdelikte werden ab einer schädlichen Effizienz in den Polizei – und Justizstatistiken der einzelnen Bundesländer erfasst, ab da auch veröffentlicht und an die Bundesbehörden weitergemeldet .
    Naturgemäß möchte keine Regierung gerne zugeben, dass in ihrem Verantwortungsbereich die ” innere Sicherheit ” mangelhaft ist, bzw sich zum Schlechteren verändert hat (… )
    “… und mit Panik und Bangemachen ist ja bekanntlich auch niemand gedient” – heißt es da gerne !
    Wie es in der Realität wirklich aussieht, darüber können Lehrer, einzelne Polizisten, Rettungskräfte, Gastronomen, Dienstleiter, Ehrenamtler usw Auskunft geben.
    Raufereien werden schon auf Schulhöfen nicht selten mit Fußtritten und gefährlichen Gegenständen ausgetragen .
    Verbale und tätliche Beleidigungen, Diskriminierungen, Verkehrsrowdytum, Nötigungen und Respektlosigkeiten (…)

    Die Aufzählungen dieser und weiterer negativer Auffälligkeiten sowie eigener Erfahrungen, wechselten bei den Diskussionsbeiträgen der teilnehmenden Saurüsselphilosophen mit klug durchdachten Analysen, historischen Bezugnahmen und idealistisch motivierten Besserungsvorschlägen .
    Die anfangs etwas zäh wirkende Diskussion entwickelte sich (wieder einmal) schnell zu einem intensiven, hochinteressanten und lehrreichen Gedanken – und Meinungsaustausch .
    Meine Meinung ist :
    Trotz vieler negativer Vorkommnisse leben wir – besonders in Bayern – in einem vergleichsweise friedvollen und sicheren Land !
    …….aber aufpassen sollt mer schon …….

     
  2. Augustinus says:

    Was ist die neue Freiheit? Auf niemand Rücksicht zu nehmen, alleine zu leben. Kann es der Mensch aushalten? Ich glaube nicht. Der Mensch ist ein Rudeltier und schließt sich dem Rudel an, ob gut oder böse. Es war schon immer so wie Detlev schreibt. Als Beispiel möchte ich die Clan-Kriminalität nennen. Sie ist sehr roh, auch innerhalb. Wer nicht spurt, bekommt eins über die Rübe. Je mehr die Rohheit nach außen geht, umso mehr beginnt sich die Gesellschaft zu wehren. Daher glaube ich nicht an die zunehmende Verrohung der Gesellschaft.

     
  3. Karlheinz Raum says:

    Der in Detlevs Zusammenfassung verwendete Begriff „Rohling“ mit „unbearbeitet“ zu bezeichnen, trifft mehr auf Materialien zu. Bei Lebewesen ist es umgekehrt. Das zeigt dieses wundervolle Video, das Hans verschickt hat, sehr deutlich. Dort sieht man eine junge Katze mit einem jungen Vogel spielen. Beide sind noch unerzogen und völlig unverdorben. Sie wissen noch nicht, wer Jäger oder Beutetier ist und verhalten sich friedlich, neugierig und natürlich. Es beweist, dass Lebewesen in diesem Stadium, noch frei vom Bösen oder Sünde sind.
    Eine Verrohung durch Mangel an Erziehung hängt von den Erziehern ab, wie sie mit sich selbst, ihren Mitmenschen und dem Zögling umgehen. Die Qualität der Erziehung/Behandlung macht den Unterschied, ob der Betrachter das Ergebnis als veredelt, gelungen und gut beurteilt oder ob das „Material“ verdorben wurde.
    Der Feinschliff kommt in der Schulepoche, in der es vom System/Lehrer abhängt, ob der Schüler zu einem eigenverantwortlichen Menschen erzogen wird oder zu einem funktionierenden Leistungsbringer. Mit dem Ende der Schulzeit ist die Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Danach kommt die Lehrzeit/Ausbildung, in der Theorie in die Praxis umgesetzt werden sollte.
    Was von den Teilnehmern unserer Runde gut herausgearbeitet wurde, war das Problem, dass unsere Leistungsgesellschaft negative Begleiterscheinungen mit sich bringt. Wenn die Leistung des Einzelnen gefordert wird, ist mehr Individualismus gefragt und weniger die Gemeinschaft. Das Ergebnis ist der Egoist, der zur Durchsetzung seiner Ziele, Härte benötigt. Und das ist einer der Gründe einer spürbaren Verrohung. Das bezieht sich nicht nur auf körperliche Gewalt, sondern in gleicher Weise auf den Umgang miteinander und der Sprache.
    Ein weiterer Impuls zur Verrohung ist durch den Umgang mit Freiheit gegeben. Man beruft sich auf die Menschenrechte, in der die Freiheit gewährleistet wird. Vergessen wird dabei, dass die grenzenlose Freiheit zum Chaos führt und natürlich auch Pflichten beinhaltet.
    Man nennt es liberal und ist vielfach der Meinung, dass alles erlaubt sei, solange man niemanden Schaden zufügt.
    Soweit habe ich versucht, die Eingangsfrage von Corinna zu beantworten, die wissen wollte, warum die Gesellschaft verroht.

     
    1. Detlev Six says:

      Jetzt sind wir im Spannungsfeld von Rousseau und Hobbes gelandet. Du glaubst an Rousseau, ich eher an Hobbes. Deshalb bin ich der Auffassung, dass die rigiden Moralsysteme früher zurecht Menschen “bearbeitet” haben, damit sie eine funktionierende Gesellschaft wurden. Nur: der Fortschritts-Idealismus, dass Menschen durch Entwicklung auch ohne strenge Regelsysteme miteinander auskommen, ist nicht auszurotten (auch bei mir nicht). Deshalb der Versuch liberaler Demokratien, diese Regelsysteme weniger starr zu gestalten, in der Hoffnung der Mensch wird von einem sprechenden Tier zu einem handelnden Menschen, zu einem menschlich handelnden Menschen – wenn man ihm die Regeln selbst aushandeln lässt. Schöner Gedanke, oder? Nun, die Chinesen sind da ganz anderer Ansicht, sie steuern auf eines der strengsten (und vermutlich auch erfolgreichsten) Regelsysteme der Geschichte zu. Die IT-Technologien eröffnen da ganz neue Möglichkeiten. Letztendlich entscheiden sowieso nicht Philosophen, welches Menschenbild das richtigere ist. Sondern einzig und allein die Attraktivität oder Brutalität eines Macht-Systems.

       
  4. Karlheinz says:

    Bevor es zu bürgerkriegsähnlichen Tumulten, wie bei Rousseau und Hobbes kommt, versuche ich die natürliche Entwicklung mit Vernunft/Erkenntnis zu koppeln. Es funktioniert einigermaßen in unserem Stammtisch, weil wir alle glauben, wir wären natürlich vernünftig. Wir entscheiden uns für ein Menschenbild, das uns gefällt. Die Gestaltung übernehmen andere.
    Karlheinz

     
  5. Inge Witt says:

    Frühere Denker mögen ein Vorbild sein und meist schlägt man sich auf die Seite, die dem eigenen Denken näher ist, bzw. der eigenen Seele am heilsamsten erscheint. Wir Menschen suchen nach erfüllenden und verständlichen Erklärungen für das, was uns noch unbekannt ist, wir bleiben wissbegierig und das ist gut so. Der Austausch in einer Gruppe, lässt uns erkennen, wie individuell wir sind und denken.

     

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